BEATRICE JUGERT
Beatrice & Benzina
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Artist Statement


Mich interessiert die Erfindung von Traditionen. Ich untersuche Vorraussetzungen gemeinschaftlichen Lebens in unserer Sprache, in Gesten nach ihrem symbolischen Gehalt. In bestimmten Ritualen innerhalb einer Gemeinschaft, beziehungsweise vor einem Publikum, bekennen sich die Beteiligten zu einem Ideal. In performativen Handlungen spüre ich dieser Annäherung an die Utopie von Gesellschaft nach. Mit "Ländern" die ich gründe oder dem "Fahnenzeremoniell" stelle ich die Position des Einzelnen der Gruppe gegenüber. Bei der Entwicklung von Objekten und Werkzeugen suche ich nach Mechanismen der Selbstvervielfältigung. Im Zentrum meiner Betrachtung steht die Beziehung von Menschen zu Dingen, Gegenstände die unser Denken durch Handeln manifestieren und zum Anderen und dem Verhältnis vom Ich zum Wir. Gesellschaft stellt sich für mich als Form der Zusammenarbeit dar.

Beatrice Jugert

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Katalogtext aus "Waveland : Continental Drift"

Barbara Mauck
Alterität der Identität: Willkommen in Utopia


"Und bei der Ausgestaltung dieser Welten erlebe ich mehr Freude und Stolz als Alexander oder Cäsar bei der Eroberung der irdischen Welt und obwohl ich meine gleissende Welt zu einer friedfertigen gemacht habe mit nur einer Religion, einer Sprache und einer Regierung, könnte ich ebenso gut eine andere Welt erschaffen, die so voller Brüche, Abgrenzungen und Kriege ist wie diese voller Ruhe und Frieden; und die rationalen Gestalten meines Geistes könnten so kampfesmutig sein wie einst Hector und Achill, so klug wie Nestor, so redegewandt wie Odysseus und so schön wie Helena."

So beschreibt Margaret Cavendish, Herzogin von Newcastle, Dramatikerin und Naturphilosophin, im Jahr 1666 das Projekt einer Blazing World – einer Welt, in der, frei flottierend zwischen Utopie und voyage imaginaire, Bären–Menschen Experimental–Philosophen mimen und Fuchs–Menschen Politiker verkörpern, während Redner sich in Papageien–Menschen verwandeln und die "gewöhnlichen" Menschen je nach Funktion manchmal himmelblau, tiefpurpurn oder grasgrün sind.

"Wir gründen sieben utopische Nationen und übersetzen sie in die Realität" lautet der offizielle Slogan, mit dem seit dem Jahr 2000 die Vereinten Nationen von Utopia alias Beatrice & Benzina alias Beatrice Jugert unter www.vereintenationenutopias.net zum Reisen und Leben (nicht aber zum Träumen) einladen. Zum Aufbruch also in die aufgesplitterte Welt der Utopie, in der wundersame Länder wie Arché, Absolut Ego, Pol Weg und Narvaland die Nationen bilden. Anders als Cavendish jedoch überschreitet Jugert in ihren künstlerischen Interventionen den abgesteckten Rahmen einer rein imaginären Welterfindung und somit jenes Phantasialand aus "Monster und Chimären", das bis dato die phantastischen Gegenweltentwürfe der Kunst bevölkert.

Wenngleich sich also auch die Länder Utopias auf den ersten Blick als Phantasmen lesen liessen, eröffnet die Künstlerin gerade in der Betonung der national–föderalistischen Konzeption ihrer Welt deren soziale und politische, kurz deren scheinbar reale Dimension. Da werden Zertifikate ausgestellt, Visa erteilt, Botschafterstellen ausgeschrieben und Spionagereisen angeboten. Da werden Botschaften in öffentlichen Gebäuden installiert (Rathaus Berlin–Neukölln, 2002/ HfbKDresden, 2002) und in offiziellen Paraden Fahnen gehisst (Columbia University, New York, 2003). Da wird – nicht zuletzt, sondern zuallererst – innerhalb einer Archaeologie utopischen Denkens der Erdboden auf seine historischen "Abfälle" geprüft (Dresdner Frühling, 2002).

Jugerts Spaltung Utopias in begrenzte, souveräne Staaten, deren nationale Identität sich gerade in der Ausschließlichkeit einer einzigen (Lebens)Facette zu erkennen gibt , sei es Immer am Anfang, Land für dich allein, Unterwegs in ständiger Veränderung oder Heimat auf Abruf, rekurriert die Definition der Nation als ein "geistiges Prinzip". Als "Seele", wie Ernest Renan im Jahr 1882 schreibt, die sich zum einen durch den gemeinsamen Besitz von Erinnerungen, zum anderen durch den Wunsch, zusammenzuleben, konstituiert. Die Loslösung des Begriffs der Nation von seinen räumlich–territorialen Implikationen hin zu einer postmodernen Lesart als "invented community" (Anderson) schreibt auch die Frage nach der Beschaffenheit der Welt an sich in eine nach ihren Funktionsweisen um.

Auch in den künstlerischen Aktionen und Installationen Beatrice Jugerts steht nicht das Ausmalen eines bestimmten, statischen Bildes von Welt im Vordergrund als vielmehr die Visualisierung jener Mechanismen, durch die Nationen sich begründen – jene kulturellen Systeme und Handlungen also, die der Schaffung nationaler Identitäten zugrunde liegen. Die Bilder, die sie dabei zur öffentlichen Darstellung der jeweiligen Nationen entwickelt, spiegeln die Dynamik, zugleich aber auch die Fragilität politischer und sozialer Repräsentationen wider. Denn der Versuch, sich die großen Gesten nationaler Selbstdarstellung anzueignen, sei es innerhalb einer Flaggenparade, dem Spielen von Nationalhymnen oder einer öffentlichen Großproklamation utopischer Lebensweisen, ironisiert immer auch den symbolischen Gehalt, den diese in sich tragen und entlarvt den Nationenbegriff als ein Spielfeld ambivalenter Narrationen, das die Produktionsmaschinerie Kultur am Laufen hält.

"Gemeinschaften", so Benedict Anderson, "sollten nicht unterschieden werden im Hinblick auf ihre Unnatürlichkeit/Echtheit sondern durch den Stil in dem sie ausgedacht werden." Jugerts Stil ist der der Utopie: nicht seinskongruent, sondern dynamisch und – anders als die Ideologie – auf das Sprengen bzw. Transformieren bestehender Ordnungen bedacht. Bei Jugert ist Utopie ein "uneingelöstes Versprechen", ein Big Bang mit unklarem Ausgang. Ihre Erkundungen des Selbst führen sie dabei zwangsläufig an die Grenzen des Anderen, in jenes Zwischenreich also, wo Privates und öffentliches, Geplantes und Gelebtes, wo Hoffnung und Ernüchterung, wo Utopie und Realität zusammenprallen. So zum Beispiel, wenn Hans im Rahmen einer Lebensumtauschstelle und unter der Schirmherrschaft Utopias sein Leben anbietet "für eine zweite Chance" (HinterConti, Hamburg, 2003). So, wenn Beatrice & Benzina im Rahmen der Botschaft der vereinten Nationen von Utopia leere Bühnen für nationale Konfigurationen zur Verfügung stellt (Rathaus Berlin–Neukölln, 2002).

In ihrer Frage nach der Berechtigung von Parallelwelten, die immer wieder den Ausgangspunkt ihrer Arbeiten markiert, erzeugt die Künstlerin gerade in der überblendung fiktiver und faktischer Systeme eine Zone der Durchlässigkeit, ein Sinnenfeld des überflusses, in dem Kaffeetassen überlaufen, Pfützen sich ausbreiten und das Zuckerschloss schlussendlich in Milch versinkt. Gerade die Verdopplung der Systeme eröffnet dabei die unheimliche Differenz desselben, dessen, was Homi Bhabha als die "Alterität der Identität" beschreibt. Es ist die okkupatorische Geste der Neu–, der Umschreibung, durch die Jugert in ihren Arbeiten jenen "dritten Raum der Absenz" erkundet, der genau zwischen der Behauptung von Identität und ihrem Hinterfragen liegt.

Es ist daher nur konsequent, dass Beatrice Jugert im Rahmen ihres Philipp Morris–Reisestipendiums die eigenen Orts–Phantasmen genauer unter die Lupe bzw. Schere nimmt. Die Orte, deren festgelegte Umrisse sie dabei durch einen Ventilator wie Gespenster in Bewegung versetzt, schreiben sich auf einem provisorisch aufgespanntes Laken neu. An den Grenzen der eigenen Weltvorstellung nimmt die Künstlerin unter dem Icon der United Nations die Rolle der Botschafterin an, die sich hier zugleich als Forscherin und Bewahrerin des Noch–Unbekannten inszeniert.

Jede Form von Identität müsse durch das "Nadelöhr" des anderen hindurch, schreibt der britische Kulturwissenschaftlicher Stuart Hall. Es ist ein offenes, sinnliches Angebot, das die Künstlerin Beatrice Jugert im Namen Utopias an ihre Besucher richtet, wenn sie hinter den ideologischen Besetzungen der Welt die weižen Flecken eines utopischen Weltgefüges sichtbar macht. Es ist ein Denken, dass gleichsam eine Brücke zurück in das 17. Jahrhundert, zu den Phantasmen jener Herzogin von Newcastle schlägt, mit der dieser Text begann und nun auch enden soll: "Und sollte es Menschen geben, die meine Welt mögen und bereit sind meine Untertanen zu sein, können sie sich als solche vorstellen und dann sind sie das auch – ich meine in ihrer Vorstellung und Fantasie. Doch wenn sie es nicht ertragen können, Untertanen zu sein, können sie ihre eigenen Welten erschaffen und sich so regieren wie sie wollen."

Literatur
Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation: zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Berlin, 1998.
Homi Bhabha, Die Verortung der Kultur. Tübingen, 2000.
Margaret Cavendish, Gleissende Welt. München, 2001.
Stuart Hall, Rassismus und kulturelle Identität. Hamburg, 1994.
Karl Mannheim, Ideologie und Utopie. Frankfurt a.M., 1978.
Ernest Renan, Was ist eine Nation?, in: Michael Jeismann / Henning Ritter (Hrsg.), Grenzfälle – über neuen und alten Nationalismus. Leipzig, 1993.

info(at)beatricejugert.de www.vereintenationenutopias.net